100.000 € konservativ anlegen: Was die KI mir vorschlug – und was davon wirklich ins Depot kommt
Ich habe die KI 100.000 € konservativ anlegen lassen. Das Ergebnis: lauter solide Namen – aber gleich mehrere versteckte Klumpenrisiken, die im Crash gemeinsam einbrechen. Ich zeige, welche Titel rausfliegen, was komplett fehlt und wie mein bereinigtes Depot aussieht.
Ich habe die KI gebeten, mir 100.000 Euro konservativ anzulegen. Breit gestreut, crashsicher, zum Ruhig-Schlafen. Was zurückkam, war nicht schlecht. Aber „nicht schlecht" ist bei einem sechsstelligen Betrag eben nicht gut genug.
Denn genau hier liegt der Denkfehler, den die meisten machen – und den die KI brav mitmacht: Sie verwechselt viele verschiedene Namen mit echter Diversifikation. Vierzehn Titel aus sechs Ländern und einem Dutzend Branchen sehen auf den ersten Blick breit aufgestellt aus. Auf den zweiten Blick fallen die Hälfte davon im selben Szenario gemeinsam ins Bodenlose.
Und darum geht es beim Wort „crashsicher": nicht darum, ob die Firmen unterschiedlich heißen, sondern ob sie unterschiedlich reagieren, wenn es an den Märkten ernst wird.
Schauen wir uns also an, was die KI ausgespuckt hat – und wo ich den Rotstift ansetze.
Die KI-Vorschläge im Überblick
| Unternehmen | Land | Branche |
|---|---|---|
| Siemens | Deutschland | Industrie |
| SAP | Deutschland | Software |
| Allianz | Deutschland | Versicherung |
| Apple | USA | Technologie |
| Eli Lilly | USA | Pharma |
| Berkshire Hathaway | USA | Beteiligung / Versicherung |
| Airbus | EU | Luftfahrt / Rüstung |
| Schneider Electric | Frankreich | Industrie / Elektrifizierung |
| Rolls-Royce | UK | Triebwerke |
| Maersk | Dänemark | Reederei |
| Unicredit | Italien | Bank |
| Iberdrola | Spanien | Versorger |
| Mitsubishi UFJ | Japan | Bank |
| Samsung | Südkorea | Technologie / Chips |
Solide Namen, keine Frage. Kein einziger Zock dabei. Aber jetzt kommt der wichtige Teil: Ich sortiere das Depot nicht nach Branchen, sondern nach Risikofaktoren. Also nach der Frage: Welche dieser Titel gehen im selben Crash-Szenario gemeinsam baden?
Das Grundproblem: Scheindiversifikation
Diversifikation misst man nicht an der Zahl der Positionen, sondern an ihrer Korrelation. Wenn fünf „verschiedene" Aktien in Wahrheit alle an derselben Story hängen, hast du nicht fünf unabhängige Wetten. Du hast eine einzige Wette, fünfmal bezahlt. Genau das passiert hier gleich an mehreren Stellen. Gehen wir sie durch.
Luftfahrt: Airbus und Rolls-Royce hängen am selben Tropf
Wir haben mit Airbus (Flugzeugbauer) und Rolls-Royce (Triebwerke) zwei Titel, die vom exakt gleichen Faktor abhängen: dem globalen Flugverkehr. Bricht der ein – Pandemie, Ölpreisschock, Rezession, die zuerst das Reisen trifft – geraten beide ins Schleudern. Wer sich 2020 die Rolls-Royce-Aktie angeschaut hat, weiß, wovon ich rede: Der Kurs wurde regelrecht pulverisiert, während gleichzeitig Airbus einbrach. Zwei Namen, ein Risiko.
Airbus hat immerhin ein zweites Standbein über Rüstung und Raumfahrt (Airbus Defence & Space, Helikopter), das in einer reinen Luftfahrtkrise weniger stark leidet. Rolls-Royce fliegt dagegen fast ausschließlich mit dem zivilen Zyklus. Rolls-Royce fliegt raus, Airbus bleibt.
Die KI-Blase: fünf Titel, eine Story
Hier wird es spannend. SAP, Apple, Schneider Electric (als Rechenzentren-Zulieferer), Samsung (Speicherchips) und Iberdrola (profitiert vom Stromhunger der Data Center) – auf dem Papier fünf verschiedene Branchen. In Wahrheit hängen sie alle mehr oder weniger am selben Narrativ: dem KI-Investitionsboom.
Und genau das ist die Falle. Sollte der KI-Capex enttäuschen und das Thema an der Börse abkühlen, ratet mal, was passiert: Das ganze Konstrukt bewertet sich gemeinsam nach unten – Software, Hardware, Data-Center-Zulieferer, Chiphersteller und Stromversorger im Gleichschritt. „Verschiedene Branchen" nützt dir nichts, wenn sie am selben Faden ziehen.
Deshalb lege ich den Fokus auf zwei Titel, die auch ohne die KI-Fantasie ein Fundament haben:
- Apple – riesige installierte Basis, wachsendes Servicegeschäft, ein Cash-Berg. Selbst wenn die KI-Euphorie verpufft, kaufen die Leute weiter iPhones. Das ist kein reiner KI-Wettschein.
- Schneider Electric – das „Picks-and-Shovels"-Prinzip. Schneider liefert Elektrifizierung, Energiemanagement und Infrastruktur weit über Rechenzentren hinaus – Gebäude, Industrie, Netze. Data Center sind ein Treiber, nicht die ganze Geschichte.
SAP, Samsung und Iberdrola räume ich aus dem KI-Cluster. Nicht, weil es schlechte Firmen wären – SAP ist eine sticky Softwaremaschine mit brutaler Kundenbindung –, sondern weil ich das Klumpenrisiko rund um ein einziges Thema nicht will.
Pharma: Eli Lilly und die Frage nach dem richtigen Anker
Im Depot steckt mit Eli Lilly genau ein Pharmawert. Und der ist mir für einen defensiven Slot zu sehr an eine einzige Story gekettet: die Abnehmspritzen (GLP-1). Das ist nicht „zu vielfältig" im schlechten Sinne – das Problem ist umgekehrt: Ein einziger Studien-Header oder eine Konkurrenzmeldung, und der Kurs macht zweistellige Sprünge. In beide Richtungen. Für ein Portfolio, das ruhig schlafen soll, ist das die falsche Sorte Spannung.
Deshalb tausche ich Eli Lilly und schaue mir drei Alternativen an – jede mit einem anderen Profil:
- Johnson & Johnson – nach der Kenvue-Abspaltung ein Mix aus Pharma und Medizintechnik, breit aufgestellt, Dividenden-Aristokrat. Der defensivste Anker der drei. Für ein „konservativ"-Depot mein Favorit.
- AstraZeneca – onkologielastig, tiefe Pipeline, breiter aufgestellt als ein GLP-1-Wettschein. Solider Mittelweg.
- Novo Nordisk – der direkte Abnehmspritzen-Konkurrent zu Lilly. Wachstumsstärker, aber eben auch schwankungsanfälliger. Nur, wenn du bewusst Wachstum statt Defensive willst.
Für den Charakter dieses Depots nehme ich Johnson & Johnson. Wer mehr Wachstum verträgt, greift zu Novo.
Financials: Berkshire und Allianz passen – aber da ist ein zweiter Cluster
Berkshire Hathaway hält Anteile an einem ganzen Strauß von Unternehmen, darunter auch etliche Versicherer – aber eben nicht an der Allianz. Deshalb finde ich die Kombination sauber: Zwei Schwergewichte im Versicherungs- und Beteiligungsgeschäft, die sich nicht auf die Füße treten. (Kleine Randnotiz für die Detailverliebten: Berkshire ist zwar in Japan investiert, aber in die großen Handelshäuser wie Mitsubishi Corp – nicht in die Mitsubishi-UFJ-Bank. Auch hier also kein versteckter Doppel-Kauf.)
Aber – und das ist mir erst beim zweiten Durchgang aufgefallen: Wenn ich meine eigene Logik konsequent anwende, sitzt im Depot ein zweiter, unauffälliger Cluster. Mit Unicredit (Italien) und Mitsubishi UFJ (Japan) haben wir zwei Banken, dazu Allianz als Versicherer und Berkshire mit seinem gewaltigen Versicherungskern. In einer globalen Kredit- oder Bankenkrise – Stichwort 2008, oder ein Eurozonen-Stress – ziehen die vier gemeinsam an. Die geografische Streuung (Europa, Japan, USA) hilft, aber es bleibt eine Häufung um denselben Faktor.
Für ein konsequent konservatives Depot würde ich hier überlegen, auf eine der beiden Banken zu verzichten. Wer die höhere Volatilität und das Europa-Exposure will, behält Unicredit; wer Ruhe, günstige Bewertung und eine Yen-Beimischung sucht, behält Mitsubishi UFJ. Beide zu halten ist kein Beinbruch – man sollte nur wissen, dass man dann rund ein Viertel des Depots in Finanzwerten hat.
Transport: Maersk und die Chokepoint-Falle
Maersk als Reederei ist mir schlicht zu labil. Containerschifffahrt ist eine Wette auf Weltkonjunktur und Geopolitik gleichzeitig. Man muss nur an die Rotmeer-/Suez-Umleitungen der letzten Jahre denken, oder an die Nadelöhre Hormus und Panamakanal: Ein einziger blockierter Meeresweg wirbelt Frachtraten und Routen komplett durcheinander. Mal explodieren die Raten, mal bricht das Volumen weg – planbar ist das nie. Das ist vieles, aber nicht „konservativ". Maersk fliegt raus.
Ich hatte überlegt, dafür eine Passagier-Airline wie Delta Air Lines reinzunehmen. Aber Achtung – und das ist genau die Art von verstecktem Fehler, auf die es hier ankommt: Mit einer Airline hole ich mir den Flugverkehr zurück ins Depot. Kombiniert mit Airbus baue ich damit exakt jenen Luftfahrt-Cluster wieder auf, den ich mit dem Rauswurf von Rolls-Royce gerade abgeräumt habe. Airbus (Hersteller) und Delta (Betreiber) sitzen zwar an unterschiedlichen Stellen der Wertschöpfungskette – im Nachfrageschock fallen sie aber trotzdem zusammen. Und Airlines sind mit ihren Schulden und der Spritpreis-Abhängigkeit das zyklischste Glied der ganzen Kette.
Wer Delta trotzdem will, sollte die Position klein halten und wissen: Das ist kein Defensivbaustein, das ist eine bewusste zyklische Beimischung. Die konsequentere Alternative für den Transport-Slot wäre etwas, das nicht an der Luftfahrt hängt – eine Logistikaktie wie Deutsche Post DHL (Rückenwind durch E-Commerce, ordentliche Dividende) oder ein Bahn-Oligopolist wie Union Pacific mit echter Preismacht. Ich lasse Delta als meine ursprüngliche Wahl im Depot, markiere sie aber ganz klar als das, was sie ist.
Was komplett fehlt: Konsumgüter als Stabilitätsanker
Das ist für mich die größte Lücke im KI-Vorschlag – und der eigentliche Grund, warum das Depot nicht crashsicher war. Es fehlt der langweilige, verlässliche Kern: Basiskonsumgüter und defensiver Handel.
Warum sind die so wichtig? Weil die Leute im Abschwung ihr neues Auto und die Fernreise streichen – aber nicht die Zahnpasta, das Waschmittel und die Cola. Diese Firmen haben niedrige Kursschwankungen, echte Preismacht (sie geben Inflation an die Kunden weiter) und schütten seit Jahrzehnten zuverlässig Dividenden aus. Das ist der Ballast, der ein Depot im Crash ruhig hält.
Konkret gehören für mich mindestens drei dieser Anker rein:
- Coca-Cola – globale Marke, Dividenden-König, so konjunkturunabhängig wie es geht.
- Procter & Gamble – Haushalts- und Hygieneprodukte, ebenfalls Dividenden-König.
- Walmart – defensiver Handelsriese, der in Abschwüngen sogar Marktanteile gewinnt, weil die Leute aufs Preisbewusstsein umschwenken.
Als Ergänzung bieten sich Unilever und Church & Dwight an – beide runden den Konsumgüterblock weiter ab.
Mein bereinigtes Depot – 100.000 € konkret
So sieht das Ganze am Ende aus. Bewusst mit Übergewicht auf den defensiven Ankern und nur kleiner zyklischer Beimischung – so, wie „konservativ" gemeint ist.
| # | Unternehmen | Kategorie | Gewicht | Betrag |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Coca-Cola | Konsumgüter | 8 % | 8.000 € |
| 2 | Procter & Gamble | Konsumgüter | 8 % | 8.000 € |
| 3 | Walmart | Handel (defensiv) | 8 % | 8.000 € |
| 4 | Berkshire Hathaway | Beteiligung / Versicherung | 8 % | 8.000 € |
| 5 | Apple | Technologie | 8 % | 8.000 € |
| 6 | Allianz | Versicherung | 7 % | 7.000 € |
| 7 | Johnson & Johnson* | Pharma / Medtech | 7 % | 7.000 € |
| 8 | Siemens | Industrie | 7 % | 7.000 € |
| 9 | Schneider Electric | Industrie / Elektrifizierung | 7 % | 7.000 € |
| 10 | Unilever | Konsumgüter | 6 % | 6.000 € |
| 11 | Mitsubishi UFJ | Bank | 6 % | 6.000 € |
| 12 | Airbus | Luftfahrt / Rüstung | 5 % | 5.000 € |
| 13 | Church & Dwight | Konsumgüter | 5 % | 5.000 € |
| 14 | Unicredit | Bank | 5 % | 5.000 € |
| 15 | Delta Air Lines | Airline (zyklisch) | 5 % | 5.000 € |
| Summe | 100 % | 100.000 € |
* Alternativ AstraZeneca (defensiver Mittelweg) oder Novo Nordisk (mehr Wachstum, mehr Schwankung).
Der Sektor-Check: so sieht die Streuung jetzt aus
Und jetzt der entscheidende Blick – nicht auf die Namen, sondern auf die Risikoblöcke:
- Defensive Konsumgüter & Handel: ~35 % (Coca-Cola, P&G, Walmart, Unilever, Church & Dwight) – das ist der Stabilitätskern, der im KI-Vorschlag komplett fehlte.
- Financials: ~26 % (Berkshire, Allianz, Mitsubishi UFJ, Unicredit) – bewusst der Block, den man im Auge behalten sollte. Wer noch defensiver will, streicht eine der beiden Banken und schiebt die Gewichtung Richtung Konsumgüter.
- Industrie: ~14 % (Siemens, Schneider Electric)
- Luftfahrt: ~10 % (Airbus, Delta) – die bewusst kleingehaltene zyklische Ecke.
- Technologie: 8 % (Apple)
- Pharma: 7 % (Johnson & Johnson)
Kein Cluster mehr, der das Depot allein aus dem Gleichgewicht kippen kann. Genau das war das Ziel.
Fazit: Die KI ist ein guter Sparringspartner – aber kein Portfoliomanager
Wir sehen also: Die KI gibt gute Vorschläge. Die Vorauswahl war durchweg vernünftig, kein einziger Schrottwert dabei. Als Ideengeber ist so ein Tool Gold wert – es liefert dir in Sekunden eine saubere Longlist, an der du dich abarbeiten kannst.
Aber alles blind umsetzen würde ich nicht. Die KI denkt in Branchen-Schubladen. Sie erkennt nicht, dass fünf „verschiedene" Titel alle an derselben KI-Story hängen, dass zwei Luftfahrtwerte im selben Schock zusammenfallen, oder dass ein Depot ohne Konsumgüter nie wirklich crashsicher ist. Diese versteckten Korrelationen aufzuspüren – das bleibt Handarbeit.
Genau deshalb ist meine Reihenfolge immer dieselbe: Die KI liefert die Rohfassung, ich stelle die kritischen Fragen. Wer die zweite Hälfte auslässt, kauft sich ein Depot, das aussieht wie Diversifikation – und sich im Ernstfall anfühlt wie eine einzige Wette.