DAX-Explosion nach Iran-Abkommen: Ist die Euphorie der Anleger gerechtfertigt?

DAX und Börsen feiern das Iran-Abkommen. Doch viele Fragen bleiben offen. Warum Anleger trotz Kursrallye vorsichtig bleiben sollten.

DAX-Explosion nach Iran-Abkommen: Ist die Euphorie der Anleger gerechtfertigt?

DAX springt nach oben, Ölpreise brechen ein

Die Börsen feiern. Der DAX legte am Montag zeitweise mehr als 1,5 Prozent zu und näherte sich erneut der Marke von 25.000 Punkten. Gleichzeitig fielen die Ölpreise um mehr als vier Prozent auf den niedrigsten Stand seit Anfang März.

Der Grund für die plötzliche Euphorie: Die USA und der Iran haben sich auf ein vorläufiges Friedensabkommen verständigt. Die offizielle Unterzeichnung soll am Freitag in der Schweiz erfolgen. Zudem soll die wichtige Straße von Hormus wieder geöffnet werden, nachdem dort verlegte Minen entfernt worden sind.

Für die Märkte klingt das wie Musik in den Ohren: Das Öl soll wieder fließen, die Lieferketten könnten sich normalisieren und die Angst vor einer weiteren Eskalation im Nahen Osten scheint vorerst vom Tisch.

Doch genau hier sollten Anleger vorsichtig werden.

Die Märkte feiern eine Hoffnung – keine Fakten

Die aktuelle Kursrally basiert vor allem auf Erwartungen. Anleger preisen bereits heute die positiven Folgen eines Abkommens ein, das noch gar nicht unterschrieben wurde.

Wir haben in den vergangenen Monaten immer wieder erlebt, wie vermeintlich sichere Vereinbarungen kurzfristig scheiterten. Seit März gab es zahlreiche Ankündigungen, Waffenruhen und diplomatische Fortschritte, die wenig später wieder infrage gestellt wurden.

Bis zur geplanten Unterzeichnung am Freitag bleibt noch genügend Zeit für politische Überraschungen, neue Forderungen oder sogar ein Scheitern der Verhandlungen.

Die aktuelle Marktreaktion basiert daher vor allem auf Optimismus – und Optimismus kann an der Börse schnell gefährlich werden.

Viele entscheidende Fragen sind weiterhin offen

Noch problematischer ist die Tatsache, dass die genauen Inhalte der Vereinbarung bislang weitgehend unbekannt sind.

Zwar sprechen sowohl Washington als auch Teheran von einem Erfolg, doch viele der entscheidenden Punkte wurden offenbar auf spätere Verhandlungen verschoben.

Offene Fragen gibt es genug:

  • Was passiert mit dem iranischen Atomprogramm?
  • Wie wird mit bereits angereichertem Uran umgegangen?
  • Welche wirtschaftlichen Zugeständnisse erhalten beide Seiten?
  • Welche Sanktionen werden aufgehoben?
  • Wer trägt die finanziellen Kosten möglicher Vereinbarungen?
  • Wann wird die Straße von Hormus tatsächlich wieder vollständig nutzbar sein?
  • Wie schnell kann die Ölproduktion und der Transport wieder das Vorkrisenniveau erreichen?

Auf viele dieser Fragen gibt es derzeit keine Antworten.

Die Straße von Hormus bleibt der Schlüssel

Besonders wichtig für die Finanzmärkte ist die Straße von Hormus.

Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls wird durch diese Meerenge transportiert. Die monatelangen Einschränkungen hatten die Energiepreise nach oben getrieben und weltweit Inflationssorgen ausgelöst.

Die Aussicht auf eine Wiedereröffnung erklärt daher den deutlichen Rückgang der Ölpreise.

Sinkende Energiepreise bedeuten:

  • Weniger Inflationsdruck
  • Geringere Belastung für Unternehmen
  • Entlastung für Verbraucher
  • Weniger Druck auf die Zentralbanken

Kein Wunder also, dass Anleger weltweit erleichtert reagieren.

Doch auch hier gilt: Zwischen politischen Ankündigungen und einer vollständigen Normalisierung der Lieferketten liegen oftmals Wochen oder sogar Monate.

Gewinner und Verlierer des Tages

Von den Nachrichten profitierten insbesondere Unternehmen, die stark von den Energiepreisen abhängig sind.

Zu den Gewinnern gehörten unter anderem:

  • Lufthansa
  • TUI
  • Airbus

Diese Unternehmen profitieren von niedrigeren Treibstoffkosten und einer möglichen Belebung des internationalen Reiseverkehrs.

Unter Druck standen dagegen:

  • RWE
  • Verbio
  • Rheinmetall

Vor allem Rüstungswerte gerieten unter Verkaufsdruck, da die geopolitischen Risiken vorübergehend geringer eingeschätzt werden.

Die Zentralbanken schauen genau hin

Die Entwicklung kommt zudem zu einem äußerst wichtigen Zeitpunkt.

Bereits in dieser Woche stehen mehrere bedeutende Zentralbankentscheidungen an. Vor allem die US-Notenbank Federal Reserve wird genau beobachten, ob die sinkenden Energiepreise tatsächlich zu einer Entspannung bei der Inflation führen.

Sollte sich die Lage im Nahen Osten stabilisieren, könnten die Zinserwartungen für die kommenden Monate deutlich sinken.

Genau darauf spekulieren die Märkte aktuell.

Doch auch hier ist Vorsicht angebracht. Eine einzelne politische Einigung reicht nicht aus, um die globalen Inflationsprobleme dauerhaft zu lösen.

Warum Anleger jetzt nicht euphorisch werden sollten

Die Börse liebt gute Nachrichten. Das ist völlig normal.

Problematisch wird es jedoch, wenn Hoffnungen bereits vollständig eingepreist werden, bevor überhaupt Klarheit über die tatsächlichen Auswirkungen besteht.

Genau das scheint aktuell zu passieren.

Die Märkte verhalten sich momentan so, als sei das Abkommen bereits unterschrieben, umgesetzt und erfolgreich abgeschlossen.

Tatsächlich stehen wir aber erst am Anfang eines langen Verhandlungsprozesses.

Die Erfahrung der vergangenen Monate zeigt zudem, dass geopolitische Konflikte selten geradlinig verlaufen. Rückschläge, neue Forderungen oder unerwartete Spannungen sind jederzeit möglich.

Fazit: Gute Nachrichten – aber kein Grund für blinden Optimismus

Die Aussicht auf ein Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran ist ohne Frage positiv. Eine Wiedereröffnung der Straße von Hormus und sinkende Ölpreise wären gute Nachrichten für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte.

Die starke Reaktion des DAX und der internationalen Börsen ist daher nachvollziehbar.

Dennoch sollten Anleger die aktuelle Euphorie mit Vorsicht genießen.

Bis zur geplanten Unterzeichnung am Freitag kann noch viel passieren. Zudem sind wesentliche Bestandteile der Vereinbarung bislang unbekannt. Die großen Streitpunkte – insbesondere das iranische Atomprogramm und die langfristige Stabilität der Region – sind keineswegs gelöst.

Deshalb gilt aktuell mehr denn je:

Nicht die Schlagzeilen entscheiden über den nachhaltigen Börsenerfolg, sondern die tatsächlichen Ergebnisse.

Und genau diese müssen erst noch geliefert werden.