Siemens macht den Sprung: Rekordquartal, volle Auftragsbücher und die Frage, ob der Einstieg jetzt noch lohnt

Siemens hat geliefert. Und zwar nicht ein bisschen, sondern über die ganze Breite.

Siemens macht den Sprung: Rekordquartal, volle Auftragsbücher und die Frage, ob der Einstieg jetzt noch lohnt
Photo by Brecht Corbeel / Unsplash

Am 6. August kam die Meldung zum dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026. Rekord beim Auftragseingang. Rekord beim Ergebnis. Prognose angehoben. Einen Tag vorher hatte Siemens Energy vorgelegt und im Grunde dasselbe Bild gezeichnet, nur noch etwas extremer.

Die Aktie steht Mitte August bei rund 277 Euro und damit dicht am höchsten Kurs der letzten zwölf Monate. Seit Jahresanfang steht ein Plus von knapp 18 Prozent in den Büchern.

Ich schaue mir in diesem Artikel an, wie es zu diesem Sprung kam, was die Zahlen wirklich hergeben, wie teuer die Aktie inzwischen ist und ob ein Einstieg auf diesem Niveau noch Sinn ergibt.


Ein Name, drei Konzerne

Das verwechseln viele. Wer heute "Siemens" kauft, kauft nicht mehr das alte Mischkonglomerat aus Waschmaschinen, Handys und Turbinen. Der Konzern ist längst zerlegt worden, und zwar in drei börsennotierte Einheiten:

Siemens AG. Der Kern. Automatisierung und Industriesoftware (Digital Industries), Gebäudetechnik und Stromverteilung (Smart Infrastructure) sowie Bahntechnik (Mobility).

Siemens Energy. 2020 abgespalten. Gasturbinen, Stromnetze, Industrieanlagen und die Windtochter Siemens Gamesa. Siemens hält hier noch einen kleinen Rest von rund 17 Prozent.

Siemens Healthineers. Medizintechnik, seit 2018 an der Börse, aber bis heute mehrheitlich in der Hand der Mutter. Genau das soll sich jetzt ändern.

Wichtig für die Bewertung: Diese drei laufen aktuell komplett auseinander. Zwei boomen, einer schwächelt.


Warum der Sprung kam

Es gibt einen gemeinsamen Nenner hinter allem, was gerade bei Siemens passiert. Und der heißt Strom.

Rechenzentren für Künstliche Intelligenz fressen Energie. Sie brauchen Erzeugung, sie brauchen Netze, sie brauchen Transformatoren, Schaltanlagen und Kühlung. Genau das verkauft Siemens. Bei Smart Infrastructure kamen im dritten Quartal gleich eine ganze Reihe von Großaufträgen von Rechenzentrumskunden aus den USA und Europa herein.

Dazu kommt der zweite Treiber: Europa und die USA bauen ihre Infrastruktur um. Netze, Bahn, Fabriken. Mobility hat im Quartal unter anderem Doppelstockzüge für die Schweiz im Wert von 2,2 Milliarden Euro und einen Instandhaltungsauftrag in Großbritannien über 2,0 Milliarden Euro eingesammelt.

Und der dritte Treiber ist hausgemacht. Siemens hat in den letzten Jahren zugekauft, vor allem im Softwarebereich mit Altair und Dotmatics. Software skaliert besser als Hardware. Das sieht man jetzt in der Marge.

Kurz gesagt: Siemens sitzt zufällig oder eben nicht zufällig genau auf den drei Themen, für die der Markt aktuell bereit ist, zu zahlen. KI, Elektrifizierung, Automatisierung.


Die Zahlen der Siemens AG

Jetzt zu den harten Fakten aus dem Quartalsbericht.

Der Auftragseingang stieg vergleichbar um 14 Prozent auf 27,9 Milliarden Euro. Das ist ein Rekordwert. Der Umsatz legte um 8 Prozent auf 20,8 Milliarden Euro zu. Alle industriellen Geschäfte wuchsen.

Smart Infrastructure ist der Motor. Plus 40 Prozent beim Auftragseingang in einem einzigen Quartal.

Der Blick auf die Segmente zeigt, wo die Musik spielt. Smart Infrastructure springt von 5,7 auf 8,0 Milliarden Euro Auftragseingang. Digital Industries wächst solide. Healthineers zieht ebenfalls an. Nur Mobility gibt leicht nach, was allerdings am extrem hohen Vorjahreswert liegt und kein Warnsignal ist.

Noch spannender finde ich die Profitabilität. Das Ergebnis im industriellen Geschäft stieg um 25 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro, die Marge von 14,9 auf 17,3 Prozent.

Digital Industries verbessert die Marge um mehr als vier Prozentpunkte. Mobility ist das einzige Segment, das leicht abgibt.

Digital Industries springt von 14,5 auf 18,7 Prozent. Das ist der Softwareeffekt. Healthineers von 14,5 auf 18,2 Prozent, hier haben allerdings Zollrückerstattungen aus den USA kräftig mitgeholfen. Das ist ein Einmaleffekt, den man sauber herausrechnen muss.

Unter dem Strich: Gewinn nach Steuern 2,58 Milliarden Euro, plus 15 Prozent. Ergebnis je Aktie 2,93 Euro, vor Effekten aus der Kaufpreisallokation 3,14 Euro.

Und dann der Punkt, der die Aktie am Tag der Zahlen wirklich bewegt hat: Siemens hebt die Jahresprognose an. Das Ergebnis je Aktie vor Kaufpreisallokation soll jetzt zwischen 11,20 und 11,50 Euro liegen statt wie bisher zwischen 10,70 und 11,10 Euro.

Eine Prognoseanhebung im dritten Quartal ist immer ein starkes Signal. Da hat das Management schon neun von zwölf Monaten in der Hand und weiß ziemlich genau, was noch kommt.


Siemens Energy ist der eigentliche Star

Wer den Sprung wirklich verstehen will, muss auf Siemens Energy schauen. Da passiert gerade das, was Analysten drei Jahre lang für unmöglich gehalten haben.

Auftragseingang 17,9 Milliarden Euro. Umsatz vergleichbar plus 18,5 Prozent auf 11,4 Milliarden Euro. Und das Ergebnis vor Sondereffekten hat sich mit 1,62 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr mehr als verdreifacht.

Der Turnaround ist da. Siemens Gamesa schreibt erstmals seit 2022 wieder ein positives Quartalsergebnis.

Der Knackpunkt steht ganz rechts in der Grafik. Siemens Gamesa, jahrelang das Loch, in das Geld verschwand, ist erstmals seit dem Geschäftsjahr 2022 wieder profitabel. Aus minus 438 Millionen wurden plus 75 Millionen Euro. Das sind über eine halbe Milliarde Ergebnisunterschied in einem einzigen Segment.

Gas Services hat im Quartal Aufträge über fast 10 Milliarden Euro hereingeholt, bei einem Segmentumsatz von 3,8 Milliarden. Das Book to Bill liegt dort bei 2,65. Getrieben von Gasturbinen für Rechenzentren in den USA und Kraftwerksprojekten im Nahen Osten.

Der Gewinn nach Steuern kletterte auf 1,19 Milliarden Euro nach 697 Millionen im Vorjahr.

Und trotzdem: Die Aktie ist an diesem Tag gefallen. Nach einem Sprung auf über 158 Euro in der Eröffnung ging es wieder runter, aktuell notiert sie bei rund 155 Euro und damit gut 20 Prozent unter ihrem Hoch aus dem April. Genau das ist das Muster, das man bei überkauften Storys sieht. Die guten Nachrichten stehen längst im Kurs.


Das volle Auftragsbuch ist der eigentliche Wert

Wenn ich als Trader auf Industriewerte schaue, interessiert mich weniger das letzte Quartal als die Sichtbarkeit der nächsten acht.

Beide Konzerne holen deutlich mehr Aufträge herein, als sie abarbeiten. Der Bestand wächst weiter.

Siemens AG sitzt auf einem Auftragsbestand von 132 Milliarden Euro, Siemens Energy sogar auf 162 Milliarden Euro. Das entspricht bei Energy mehr als drei Jahresumsätzen.

Das Book to Bill, also das Verhältnis von neuen Aufträgen zu Umsatz, liegt bei 1,34 bei Siemens und bei 1,57 bei Energy. Alles über 1,0 bedeutet: Der Bestand wächst. Diese Unternehmen wissen heute schon ziemlich genau, was sie 2028 fakturieren.

Das ist Planbarkeit, für die der Markt zu Recht einen Aufschlag zahlt.


Das Geld kommt auch wirklich an

Aufträge sind schön. Cash ist besser. Und genau hier war Siemens historisch nicht immer stark.

Der freie Mittelzufluss explodiert bei beiden Konzernen.

Siemens hat im Quartal einen Free Cashflow von 4,15 Milliarden Euro erwirtschaftet nach 2,92 Milliarden im Vorjahr. Die Cash Conversion Rate liegt bei 1,61. Das heißt, aus jedem Euro Gewinn kommen mehr als anderthalb Euro Cash rein.

Bei Siemens Energy stieg der Free Cashflow vor Steuern von 419 Millionen auf 2,32 Milliarden Euro. Ein Teil davon sind Kundenanzahlungen, die durch das hohe Auftragsvolumen hereinkommen. Das muss man wissen. Diese Zahl schmeichelt ein wenig, weil das Geld kommt, bevor die Leistung erbracht ist. Trotzdem: Die Bilanz von Siemens Energy zeigt inzwischen eine Nettoliquidität von 7,7 Milliarden Euro. Der Konzern, der 2023 noch nach Staatsgarantien fragen musste, hat heute mehr Geld als Schulden.

Bei der Siemens AG sank die industrielle Nettoverschuldung von 12,2 auf 9,3 Milliarden Euro. Parallel läuft ein Aktienrückkaufprogramm, im Quartal wurden für 943 Millionen Euro eigene Aktien gekauft.


Healthineers wackelt

Jetzt zur Schwachstelle. Und die ist real.

Siemens Healthineers hat operativ zwar hübsche Zahlen abgeliefert, Ergebnis plus 28 Prozent, Marge von 14,5 auf 18,2 Prozent. Aber ein großer Teil davon kommt aus Zollrückerstattungen in den USA. Der Umsatz wuchs nur um 2 Prozent.

Das Problem sitzt in der Diagnostiksparte. China hat sein Beschaffungssystem im Gesundheitswesen umgebaut, die Preise sind unter Druck, und parallel läuft die Migration auf eine neue Laborplattform. Healthineers musste die Umsatzprognose für das Jahr auf ein vergleichbares Wachstum von 3,5 bis 4,0 Prozent senken.

Dazu kommt die strukturelle Frage. Siemens will seinen Anteil von 67 auf rund 37 Prozent reduzieren und dabei etwa 30 Prozent der Anteile direkt an die eigenen Aktionäre ausschütten. Die steuerliche Behandlung ist inzwischen mit den Behörden geklärt, die Ausschüttung soll für Siemens Aktionäre steuerfrei sein. Die Abstimmung ist für Anfang 2027 erwartet.

Für Siemens Aktionäre heißt das: Ihr bekommt irgendwann Healthineers Aktien ins Depot gebucht. Für Healthineers selbst heißt es: mehr Streubesitz, aber eben auch ein riesiges Aktienpaket, das perspektivisch auf den Markt drückt.

Ich sehe das nüchtern. Healthineers ist kein Totalausfall, Imaging und Precision Therapy laufen ordentlich. Aber die Diagnostik zieht das Ganze runter, und das dauert noch mindestens ein paar Quartale.


Die Bewertung: Wird es jetzt teuer?

Hier trennt sich Begeisterung von Rendite.

Zwei ambitionierte Bewertungen und ein Nachzügler mit der höchsten Ausschüttung.

Siemens AG. Bei einem Kurs von rund 284 Euro und einem prognostizierten Ergebnis je Aktie vor Kaufpreisallokation von 11,20 bis 11,50 Euro liegt das Kurs Gewinn Verhältnis bei etwa 25. Auf Basis des berichteten Gewinns eher bei 27 bis 28. Der langjährige Durchschnitt der Aktie liegt deutlich darunter, ungefähr bei 17 bis 18.

Die Dividende betrug für das Geschäftsjahr 2025 5,35 Euro je Aktie. Für 2026 werden rund 5,65 Euro erwartet. Das ergibt eine Rendite von etwa 2,0 Prozent. Siemens erhöht seit fünf Jahren in Folge und zahlt seit 27 Jahren ununterbrochen. Solide, aber kein Dividendenwert im engeren Sinn.

Siemens Energy. Hier wird es sportlich. Bei rund 155 Euro und einem für das Gesamtjahr erwarteten Gewinn nach Steuern von etwa 4 Milliarden Euro liegt das KGV je nach Rechenweg zwischen 30 und 36. Die Dividende ist mit 0,70 Euro je Aktie eine Randnotiz, das sind 0,45 Prozent. Wer Energy kauft, kauft reines Wachstum.

Siemens Healthineers. Bei rund 39 Euro und einer Gewinnschätzung von 2,36 Euro je Aktie liegt das KGV bei etwa 16,6. Die erwartete Dividende von 1,03 Euro bringt 2,6 Prozent. Der billigste der drei, aus einem klaren Grund.


Lohnt sich der Einstieg?

Meine ehrliche Einschätzung, aufgeteilt nach Anlegertyp.

Wer langfristig Substanz sucht, greift zur Siemens AG. Nicht weil sie billig ist, sie ist es nicht. Sondern weil hier drei Dinge zusammenkommen, die selten zusammenkommen: strukturelles Wachstum durch Elektrifizierung und KI, eine Marge, die tatsächlich steigt, und ein Auftragsbestand, der die nächsten Jahre absichert. Dazu ein Management, das Prognosen anhebt statt sie zu kassieren. Ein KGV von 25 ist für Qualität dieser Art vertretbar, aber es ist eben auch kein Schnäppchen. Ich würde hier nicht auf einen Schlag kaufen, sondern gestaffelt einsteigen und Rücksetzer nutzen. Der Bereich um 255 Euro wäre für mich die erste ernsthafte Marke.

Wer den Energiezyklus spielen will, schaut auf Siemens Energy. Die Story ist intakt und stärker als noch vor einem Jahr. Der Gamesa Turnaround ist der Beleg dafür, dass das Management liefert. Aber die Bewertung nimmt sehr viel Zukunft vorweg, und die Aktie schwankt brutal. Wer hier einsteigt, braucht Nerven und muss aushalten können, dass ein Rekordquartal mit einem Minus quittiert wird. Genau das ist am 5. August passiert. Für mich ist das eher eine Position, die man bei Schwäche aufbaut und nicht bei Euphorie.

Healthineers ist der Sonderfall. Der Konglomeratsabschlag könnte sich mit der Abspaltung auflösen, Analysten sehen faire Werte um 45 Euro. Aber solange die Diagnostik in China nicht stabilisiert ist, kauft man einen Turnaround ohne Trendwende. Das ist eine Wette, keine Investition.


Was schiefgehen kann

Der KI Investitionszyklus ist der Haupttreiber. Wenn die großen Rechenzentrumsbetreiber ihre Budgets kürzen, trifft das Smart Infrastructure und Gas Services sofort. Nicht im Umsatz, der ist durch den Bestand gesichert, aber im Auftragseingang. Und der Auftragseingang ist das, was die Aktien bewegt.

Zweitens die Einmaleffekte. Ein Teil der schönen Margen kommt aus Zollrückerstattungen in den USA. Das wiederholt sich nicht.

Drittens die Bewertung selbst. Bei einem KGV von 25 beziehungsweise über 30 ist keine Enttäuschung eingepreist. Ein einziges schwaches Quartal kostet zweistellig.

Viertens Währung. Beide Konzerne machen einen wachsenden Teil ihres Geschäfts in den USA. Ein schwacher Dollar frisst Wachstum, im letzten Quartal jeweils rund einen Prozentpunkt.


Fazit

Der Sprung bei Siemens ist kein Strohfeuer und keine Bilanzkosmetik. Er kommt aus echten Aufträgen, echten Margen und echtem Cash. Die Elektrifizierung der Welt läuft, und Siemens verkauft die Bauteile dafür.

Aber der Markt hat das verstanden. Beide Aktien sind gelaufen, beide sind ambitioniert bewertet, und beide preisen ein, dass es so weitergeht.

Wer schon investiert ist, hat wenig Grund zu verkaufen. Wer rein will, sollte auf den nächsten Rücksetzer warten. Solche kommen erfahrungsgemäß schneller, als man denkt.