Der DAX auf Rekordkurs — und die Iran-Frist läuft ab. Was das für Montag bedeuten kann

Der DAX auf Rekordkurs — und die Iran-Frist läuft ab. Was das für Montag bedeuten kann
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Ich sitze in Griechenland, das Meer ist zwei Minuten entfernt, und mein Depot läuft ohne mich weiter. Dividenden kommen rein, Prämien verfallen, Positionen bewegen sich. Das ist der angenehme Teil.

Der unangenehme Teil: Ausgerechnet an diesem Wochenende läuft die 60-Tage-Frist aus dem US-iranischen Rahmenabkommen ab. Und die Börsen sind zu. Wer am Montag um 9 Uhr reagieren will, hat das ganze Wochenende Zeit, sich das anzusehen — ohne handeln zu können.

Wo wir stehen

Der DAX hat die Woche am Freitag bei 26.440,31 Punkten beendet, ein Plus von 0,53 Prozent. Das Wochenplus liegt bei knapp 0,5 Prozent. Das Allzeithoch vom Mittwoch bei 26.573,50 Zählern war zwischenzeitlich nur gut 30 Punkte entfernt — gereicht hat es zum Wochenschluss nicht.

Bemerkenswert ist etwas anderes: Der August gilt statistisch als mieser Börsenmonat. Die LBBW hat ausgerechnet, dass der DAX in den vergangenen drei Jahrzehnten im August durchschnittlich 2,2 Prozent verloren hat. Dieses Jahr steht er nach der Hälfte des Monats bei plus 3,2 Prozent.

Brent-Öl notierte am Freitag bei rund 87 US-Dollar. Also weiter hoch — und der DAX steigt trotzdem.

Was heute genau ausläuft (und was nicht)

Hier muss ich einmal sauber trennen, weil in den Schlagzeilen viel durcheinandergeht.

Es läuft nicht einfach "die Waffenruhe" aus. Die Chronologie ist verschachtelt:

  • 28. Februar: Angriff der USA und Israels auf den Iran. Kriegsbeginn.
  • Mitte April: Trump erklärt eine einseitige Waffenruhe.
  • Mitte Juni: USA und Iran einigen sich unter pakistanischer Vermittlung auf ein Rahmenabkommen — Waffenruhe plus eine 60-Tage-Frist, in der über ein Kriegsende verhandelt werden sollte. Teil der Vereinbarung: Aufhebung der US-Seeblockade gegen freie Durchfahrt für Handelsschiffe.
  • Zweite Julihälfte: Es kommt trotzdem wieder zu gegenseitigen Angriffen. Zu echten Verhandlungen kommt es nie.
  • Jetzt, Mitte August: Die 60 Tage sind um.

Was heute ausläuft, ist also der Verhandlungsfahrplan, nicht der Waffenstillstand selbst. Der Unterschied klingt akademisch, ist es aber nicht: Es gibt keinen Automatismus, der am Sonntag um Mitternacht Bomben auslöst. Es fällt lediglich die letzte formale Klammer weg, die beide Seiten noch am Tisch hielt.

Und der genaue Stichtag ist selbst in der Berichterstattung unscharf — je nach Quelle wird auf die Ankündigung Mitte Juni oder auf die spätere Unterzeichnung abgestellt. Wer euch auf den Tag genau sagt, wann es knallt, weiß es auch nicht besser als ihr.

Warum eine Verlängerung schwieriger ist, als sie klingt

Aus pakistanischen Sicherheitskreisen hieß es zuletzt, eine Verlängerung um weitere 60 oder sogar 90 Tage stehe im Raum. Ob das überhaupt öffentlich kommuniziert wird, sei offen.

Aus Teheran kommt die genau entgegengesetzte Darstellung. Ein iranischer Insider sagte Reuters, es gebe keine Gespräche über eine Verlängerung — weil aus iranischer Sicht nie eine Frist begonnen habe und es folglich nichts zu verlängern gebe. Die USA hätten das Übergangsabkommen kurz nach Abschluss verletzt und seien wenig später ausgestiegen.

Zwei Seiten, zwei komplett verschiedene Realitäten über dasselbe Papier. Das ist die eigentliche Nachricht.

Dazu kam am Freitag Öl ins Feuer: Trump kündigte an, er werde die Straße von Hormus "pretty soon" zu US-Territorium erklären, sobald der Iran besiegt sei. Gleichzeitig stellte sein Finanzminister Wirtschaftsmaßnahmen gegen den Iran in Aussicht, wie man sie "noch nie gesehen" habe, und im Raum steht eine unbefristete Seeblockade.

Das ist keine Deeskalationsrhetorik. Das ist die Vorbereitung einer Verhandlungsposition — oder einer Eskalation. Von außen ist das nicht zu unterscheiden.

Der eine Punkt, der wirklich zählt: Hormus

Für die Börse ist der Krieg als solcher zweitrangig. Was zählt, ist die Meerenge.

Vor Kriegsbeginn passierten dort täglich rund 70 bis 90 Schiffe. Seit Anfang März sind es fast null. Rund ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung läuft normalerweise durch dieses Nadelöhr.

Parallel zur US-Spur verhandelt der Iran direkt mit Oman über eine neue Schifffahrtsroute. Beide Seiten sagen seit gut zwei Wochen, eine Einigung stehe unmittelbar bevor; auf Koordinaten habe man sich geeinigt. Passiert ist bis Freitag: nichts Unterschriebenes.

Und selbst wenn unterschrieben wird — Irans Vizeaußenminister hat vorsorglich klargestellt, dass eine Einigung mit Oman keine vollständige Wiederöffnung der Meerenge bedeutet, sondern ein neues Modell. Der Iran will für die Durchfahrt kassieren, was die USA strikt ablehnen.

Übersetzt: Selbst der positive Fall bringt nicht sofort das Vorkriegsniveau zurück. Minenräumung und Logistik brauchen ohnehin Monate.

Drei Szenarien für den DAX

Ausgangspunkt ist der Freitagsschluss bei 26.440 Punkten.

Szenario 1 — stille Verlängerung, Oman-Deal kommt (aus meiner Sicht am wahrscheinlichsten) Die Frist wird verlängert, ohne dass jemand eine Pressekonferenz gibt. Der Oman-Deal wird unterschrieben. Brent fällt Richtung 80 Dollar. Der DAX nimmt das Allzeithoch mit und läuft weiter. Die Commerzbank hat ihre Brent-Prognose zum Jahresende gerade von 80 auf 75 Dollar gesenkt — für den Fall, dass eine Einigung kommt.

Szenario 2 — die Frist verstreicht, nichts passiert Kein Deal, keine Eskalation, Status quo. Genau das haben wir seit Wochen. Der Markt zuckt kurz, dann interessiert es niemanden mehr. Realistische Bandbreite: 1 bis 2 Prozent Rücksetzer, also 26.180 bis 25.910 Punkte. Ganz normales Rauschen.

Szenario 3 — Eskalation Neue Angriffswelle, unbefristete Blockade, Hormus bleibt dicht. Brent zurück über 100 Dollar — das gab es im Juli schon einmal. Damals fiel der DAX auf rund 24.650 Punkte. Von heute aus wären das etwa 6,8 Prozent Minus.

Was ich für unwahrscheinlich halte: dass es am Montag direkt in Szenario 3 kippt. Trump steht vor den Zwischenwahlen im November innenpolitisch unter Druck, den Krieg und die damit gestiegenen Verbraucherpreise loszuwerden. Ein neuer Ölpreisschock im Wahlkampf ist das Letzte, was er brauchen kann. Das ist keine Garantie, aber es ist ein Anreiz, der in Richtung Deal zeigt.

Warum der DAX das alles so gelassen wegsteckt

Drei Gründe.

Erstens die Zahlen. Siemens hat das beste Quartal der Firmengeschichte gemeldet: Auftragseingang 27,9 Mrd. Euro, Ergebnis im industriellen Geschäft plus 25 Prozent, Prognose angehoben. Bei Smart Infrastructure sind die Aufträge um 42 Prozent gesprungen, getrieben von Rechenzentrums-Großaufträgen. Siemens Energy verdreifachte das Ergebnis vor Sondereffekten auf 1,6 Mrd. Euro, der Auftragsbestand liegt bei 162 Mrd. Euro, und Gamesa war erstmals seit 2022 wieder profitabel. BASF hob nach einem starken Quartal die Jahresprognose an.

Zweitens die Inflation. Die US-Erzeuger- und Verbraucherpreise dieser Woche zeigten keine neue Dynamik. Das nimmt Druck von der Fed und damit von den Zinssorgen. CMC-Marktanalyst Andreas Lipkow sprach von einem fast schon perfekten Umfeld — wäre da nicht Nahost.

Drittens SAP. Der Softwarekonzern ist seit vier Wochen der stärkste DAX-Wert und legte am Freitag noch einmal 2,7 Prozent zu. Auslöser war ein Bericht, wonach Silver Lake über eine milliardenschwere Übernahme von Workday nachdenkt. Das hat die Fantasie im gesamten Softwaresektor belebt.

Man sieht die Verschiebung: Der Index wird gerade von Software, Rüstung und Industrie getragen — nicht von der deutschen Konjunktur.

Kurzer Einschub, weil es dazugehört

Der DAX ist kein Stimmungsbarometer für Deutschland. Er misst das Auslandsgeschäft von 40 Unternehmen, die hier nur ihren Sitz haben.

Und der Sitz bleibt, weil eine Verlegung ein Monsterprojekt ist: Steuern, Rechtsform, Mitbestimmung, Kunden, Historie.

Schönes Beispiel abseits der Börse: Steiff. Hauptsitz und Museum in Giengen an der Brenz, Endkontrolle ebenfalls dort — aber ein Großteil der Plüschtiere entsteht seit rund 50 Jahren im eigenen Werk im tunesischen Sidi Bouzid. Wir haben zu Hause welche im Einsatz, die halten ewig.

Genau das ist der Punkt: "Made in Germany" ist ein Qualitätsversprechen, keine Ortsangabe. Für Anleger heißt das — schaut, wo ein Unternehmen sein Geld verdient, nicht wo der Briefkasten steht.

Was ich jetzt mache

Nichts Neues. Und das ist die Entscheidung.

  • Defensiv bleiben. Absicherungen stehen lassen, Positionsgrößen klein halten. Ein Wochenende mit einer auslaufenden Frist und geschlossenen Börsen ist exakt die Situation, für die man Hedges hat.
  • Montag ist Beobachtungstag, kein Handelstag. Die erste Stunde nach Eröffnung ist Rauschen. Wer da hektisch reagiert, handelt gegen Algorithmen, nicht gegen Menschen.
  • Kein klarer Einstieg. Ein Rekordhoch ist kein Kaufsignal, sondern ein Kursstand. Und solange die Nachrichtenlage binnen 48 Stunden zwischen "Einigung steht bevor" und "Hormus wird US-Territorium" schwankt, ist das Chance-Risiko-Verhältnis schlicht nicht gut genug.

Wenn ihr eine Sache aus diesem Text mitnehmt, dann diese: Nicht handeln ist auch eine Position. Meistens die günstigste.